[menu]

KX. Kunst auf Kampnagel





TRUE SCIENCE / WAHRE WISSENSCHAFT



bund Mark Dickenson, Pascal Hervey, Roger Hiorns, Elizabeth Kent, Doris Kroth, Mike Marshall, Alun Rowlands, Mark Titchner
bei KX, Kunst auf Kampnagel, 14. November - 13. Dezember 1998.




" Wissenschaft ist eine Untersuchung mit dem Geist, der mit dem letzten Ursprung einer Sache anfängt, mit der nichts in der Natur zu finden ist um einen Teil dieser Sache zu bilden. Zum Beispiel die nicht endende Menge in der Wissenschaft der Geometrie: wenn wir mit der Oberfläche eines Körpers anfangen, dann stellen wir fest, daß er aus Linien gebildet wird, die Begrenzungen der Oberfläche... die Linie an sich wird aus Punkten gebildet und der Punkt ist die kleinste Einheit, unter der es nichts kleineres gibt. Aus diesem Grund ist der Punkt der Ursprung der Geometrie und weder in der Natur noch durch den menschlichen Geist gibt es irgendetwas was den Punkt erzeugen kann... keine menschliche Untersuchung kann "Wahre Wissenschaft" genannt werden ohne sich mathematischen Überprüfungen zu unterziehen."


Leonardo Da Vinci, Notizen, Teil III: Wahre Wissenschaft


Leonardo schrieb nicht als ein besonderer Philosoph, Theoretiker oder moderner Wissenschaftler; er nahm die Rolle eines Universalgenies im Sinne der Renaissance in Bezug auf das künstlerische Schaffen am Beginn der Modernen Zeit an. Er versuchte seine moderne Wissenschaft auf der Anerkennung des philosophischen Systems, welches sich von den Griechen und dem Mittelalter herleitet, zu begründen, welches das Universum als einen organisierten Kosmos betrachtet, das in dem eines Kunstwerks gleich kommt. Daraus folgt, daß er einen ziemlich methodischen Ansatz Kunst herzustellen hat, welcher mit einer gründlichen Untersuchung der Notwendigkeit zu arbeiten anfängt und eines Ansatzes logischer Gebilde für die Vorgehensweise zu grunde legt. Das Kunstwerk wurde als Prototyp und Überprüfung seiner ausgereifen Ideen und Erkenntnisse eingesetzt.

Viele der Arbeiten in Wahre Wissenschaft ähnelt diesem Erkenntnisdrang, wenn auch mehr auf einen bestimmten Ansatz und Untersuchungsgegenstand bezogen und teilt sich in eine Anzahl unabhängiger Kategorien auf. Zu Anfang steht die Erwägung der Arbeit und der Grund für seine Existenz und eines Tests der Grudlagen welche dem künstlerischen Schaffen am Herzen liegt. Dicht an diese Vorgehensweise geknüpft ist der Drang vieler Künstler, Ausführungspläne zugrunde zu legen, welche von Anfang bis Ende in sich schlüssig sind. Derartige Konstrukte sind so aufgebaut, daß sie den kleinstmöglichen Enfluß von äußeren Bakterien zulassen und die Untersuchung in ihrem unmittelbaren Zusammenhang entsteht. In einem prinzipiell gleichen Kontrollexperiment, setzen diese Gebilde den Aspekt genauer Erkundung voraus. Es gibt eine gewisse unabhängige Logik in jeder der Arbeiten, welche sich auf die Konzeptualisierung, Ausführung und Resultat anwenden läßt. Viele der Bestandteile ahmen im Ergebnis den Ansatz und die Ästhetik der Wissenschaft als Erweiterung einer Kunst nach, welche umfassend wird.


Mark Dickenson bemerkt dazu:
"Auf dem Weg zu einer erfolgreichen Zeichnung (Ausfüllen von Seite zu Seite) als ein Begriff, nimmt die Aktivität der ursprünglichen Zeichnung vorweg. Die bestimmende Natur dieses Begriffs bestimmt die gesteuerte Herangehensweise der Zeichnungsausführung. Die Unbeirrbarkeit wohnt im Begriff als ausführbare Annahme inne.
Die Bestätigung dieser Angaben sichert ab, daß die Aufgabe sich nicht vom Begriff entfernt.
Der Erfolg der Arbeit hängt von der Zeichnung ab, welche zur Annahme geht, die vom Begriff vorweggenommen wird. Das ist der Grund der hinter dem Neuzeichnen steht."


Pascal Hervey ist selbst gleichzeitig bewußt und automatisch, methodisch und zufällig, zu einer Malmaschine geworden. "Ich gebrauche eine Reihe üblicher Lackfarben, welche in eine Spritzpistole oder Verdampfer gegossen werden. Das geschieht so, daß vom einfachsten ursprünglichen Zustand, Vermischungen einer komplexen Farbfolge in unvorhersehbarer Reihenfolge entstehen. Ich betrachte dieses als zentralen Bestandteil meiner Arbeit eine Weg Zufall (und damit etwas was ich nicht weiß) als Konstante zu erhalten." Seine Bilder sind das eindrückliche Produkt einer Methode, die sorgfältig geplant sowohl Maler als auch Farbe die totale Kontrolle über das was das jeweils andere macht verweigert.
Weil 50% der fertigen Arbeit zurückbehalten wird, werden die glücklichen Überlebenden mit den Lotterienummern der Woche ihres Entstehens betitelt.


Alun Rowlands Arbeiten fangen immer mit einem Block in A4 Formaten an, dem wichtigsten, traditionellen Werkzeug in der Erwerbung und der Verbreitung von Wissen. Von diesem Punkt ausgegangen, erkundet Rowland die innere Logic von Form und Funktion des Blocks. `Quadrille`(1998) ist ein Block aus A4 Zeichenpapier der in die Form eines Zylinders gefaltet. worden ist. `Er fürchtete sich vor dem Schwarz der Tinte` (1998) ist ein Zitat das Michael Leiris über einen Papierkrieg (qu`est ce que une letter Bataille?), den er einem Freund geschrieben hatte, um seiner Unfähigkeit weiter zu schreiben ausdruck gab, schrieb. Rowland hat hat das Zitat neu geschrieben und löschte es und schrieb es wieder in einem fortdauernden Prozess.


Roger Hiorns experimentiert mit der Wieder-Vereinigung von Werkstoffen und ihrer historischen Vorläufer. `Untitled`(1998) ist eine maßstäbliche Ausgabe einer Kathedrale, die in Kupfersulfat und Kobaltchlorid gehalten wird um Kupfersulfatkristalle zu erzeugen, welche über die Kathedrale wachsen. Nach Art Beuysscher Erinnerungsakte sind Ähnlichkeiten in Form, Wachstum und Erscheinung der beiden Elemente derer viele. Die großen Kathedralen der europäischen glorreichen Tage wurden genauestens über hunderte von Jahren in streng logischer Ordnung von der Apsis aus aufgebaut. Diese Herangehensweise spiegelt das organische Wachsen der Kristalle wider. Hier werden die Kristalle dazu gezwungen die sich mit der Kathedrale zu vereinen. Aus diesem Grund werden beide unter kontrollierten Bedingungen gehalten.


Mark Titchers `Much`(1998) ist eine ästhetisierte Einrichtung für schwingende Flüssigkeit, welche elektronisch erzeugten und veränderten Sound gebraucht um skulpturale Formen herzustellen. Titcher hat die Versuche von Hans Jenny, einem Naturwissenschaftler aus den 60er Jahren, nachvollzogen. Er untersuchte die natürlichen Schwingungen, welche auf der Erdoberfläche bei bei Benutzung von Schwing-Quarzen auftreten, um die wellenähnlichen Eigenschaften von Licht und solchen Erscheinungen wie der Brechung zu demonstrieren. Die Einrichtung hier die er dazu benutzt hat ist abgeändert und von Fotografien und Zeichnungen nachgebaut und mit einem Soundtrack versehen worden, welcher die mesmerschen Muster in den Schalen vorwegnimmt.


Verfaßt von Francis Outred mit Auszügen aus Texten von Mark Dickenson, Pascal Hervey und Mark Titchner. Übersetzung von Stephan Schildberg.